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"Die Straße ist nur noch begrenzt aufnahmefähig"

Die Redaktion Eberhard Pilot im Gespräch mit Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP).

REP: Herr Minister, im Rahmen des steigenden Weltgüterverkehrs kommt den niedersächsischen Häfen eine besondere Bedeutung zu. Was muss werden, um den Herausforderungen gewachsen zu sein?

Hirche: Häfen können nur dann optimal arbeiten, wenn sie sowohl über eine see- als auch landseitige anforderungsgerechte Anbindung verfügen. Erfolgreich ist derjenige Hafen, der es schafft, seine Waren möglichst zeitnah, kostengünstig und sicher zum Kunden zu bringen. Insbesondere ein funktionierender Hinterlandverkehr wird zunehmend zum Erfolg der Häfen beitragen.

REP: Im  Seecontainerverkehr geht man von zweistelligen Zuwachsraten aus. Wie sollen die Güterströme künftig ökologisch verträglich durch Niedersachsen ins Hinterland transportiert werden?

Hirche: Um auch der Umwelt gerecht zu werden, zielt unsere Verkehrspolitik darauf ab, die jeweiligen Stärken der Verkehrsträger Straße, Schiene und Wasserstraße in optimaler Kombination zu nutzen. Die Straße wird nur noch begrenzt aufnahmefähig sein und Schiene und Binnenschiff werden daher in der Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir setzen uns daher nachdrücklich dafür ein, den Ausbauzustand der Wasserstraßen und die Anbindungen der Häfen an die Schiene kontinuierlich zu verbessern.

REP: Gibt es Bauvorhaben, die in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielen werden?

Hirche: Im Bereich der Straßen nenne ich das Ausbauprojekt der Autobahn A1 und den Neubau der Küstenautobahn A 22. Im Schienenbereich ist ohne Zweifel die Y-Trasse das wichtigste Verkehrsprojekt, welches zügig in Angriff genommen werden muss. Da schon jetzt die Zuwachsraten in den deutschen Seehäfen die Prognosen des Bundesverkehrswegeplans erheblich übersteigen, werden insbesondere die Bahnkapazitäten innerhalb kürzester Zeit überlastet sein. Wir haben daher ein Gutachten unter Berücksichtigung der Hamburger und Bremer Gütermengen in Auftrag gegeben, mit welchen kurz- und langfristigen Maßnahmen eine nachhaltige Abfuhr der Verkehrsmengen zu erreichen ist. Dabei haben wir nicht nur die Eisenbahnstrecken der DB im Blick,

sondern auch die gerade in Niedersachsen vorhandenen Netze nichtbundeseigener Eisenbahnen. Darüber hinaus dürfen allerdings nicht die weiteren Optimierungsmaßnahmen im Verkehrsnetz vergessen werden, die ich jetzt im Einzelnen nicht weiter erwähnen möchte.

REP: Neben Straße und Schiene bilden die Wasserstrassen die dritte Lebensader der Logistik. Welche Maßnahmen sind hier zu ergreifen?

Hirche: Im Bereich der Wasserstraßen ist es das vorrangige Ziel, ein homogenes Netz von Wasserstraßen zu schaffen, welches zumindest von dem übergroßen Großmotorgüterschiff ÜGMS freizügig befahren werden kann. Neben dem Ausbau der Mittelweser, der bereits auf einem guten Weg ist, ist der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals zu nennen sowie der immer dringlicher werdende Bau eines zweiten Schiffshebewerkes in Scharnebeck.

REP: In jüngerer Vergangenheit wächst die Zahl von Bürger-Initiativen, die gegen Logistik-Projekte protestieren. Nehmen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Menschen?

Hirche: Ich kann nicht erkennen, dass der Widerstand gegen Logistik-Projekte wächst ? im Gegenteil: Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das Verhältnis der Bevölkerung und auch der Regionen zur Logistikbranche zum Teil doch erheblich zum Positiven gewandelt. Die Logistik wird heute als ein wichtiger Standortfaktor gesehen, mit dem Ansiedlungen generiert und wirtschaftliche Impulse gesetzt werden. Logistik erhält und schafft Arbeitsplätze, sorgt für Investitionen und sichert letztlich auch die Qualität unseres Wirtschaftstandortes. Eins ist uns allen klar: ohne effiziente und leistungsfähige Logistik haben wir im Zeitalter der Globalisierung mit den heute üblichen dynamischen Standortentscheidungen nur geringe Chancen, langfristig erfolgreich zu bleiben.

REP: Apropos Standort: wie steht es mit der Bereitschaft der Kommunen, Logistikunternehmen willkommen zu heißen?

Hirche: Es ist zwar so, dass viele Kommunen früher die Logistik in ihrer Gewerbeflächenentwicklung regelrecht ausgeschlossen haben. Denn vor Jahren war das Vorurteil ?Güterverkehr und Logistik bedeutet Lärm und Krach rund um die Uhr? noch weit verbreitet. Im gleichen Atemzug wurden mit der Logistik gering qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeitsplätze in Verbindung gebracht. In jedem Vorurteil ist vielleicht etwas Wahrheit zu finden, natürlich wird zum Teil ?rund um die Uhr? gearbeitet und LKW fahren nun mal nicht geräuschlos. Zu bedenken ist aber, dass die Arbeitsplätze in der Logistik immer attraktiver werden; Logistik ist ein Treiber von Innovationen im Bereich der Transporttechnik und vor allem im IT-Einsatz. Wir sollten auch nicht vergessen, dass eine moderne Logistik zum Ziel hat, die Effizienz zu steigern, d. h. auch unnötige Lkw-Fahrten sowie Leerfahrten zu vermeiden. Dennoch müssen wir weiter daran arbeiten, dass die Bedenken der Menschen ernst genommen werden und die Logistikbranche in allen Regionen willkommen ist. Dafür sorgt nicht zuletzt unsere Logistikinitiative im steten Dialog mit den Menschen vor Ort.