Reifen im Visier der EU
Reifenkäufer, Hand aufs Herz: Ist Euch Euer Leben wichtiger als die Umwelt? Um eine Antwort auf diese Gretchenfrage werden Autofahrer künftig wohl nicht mehr herumkommen. Der Grund: Die EU-Kommission will bis 2012 den CO2-Ausstoß im Straßenverkehr deutlich senken. Durch das Einführen von Obergrenzen für den Rollwiderstand sollen auch Reifen dazu beitragen. Denn es gilt die Gleichung: reduzierter Rollwiderstand = reduzierter Spritverbrauch = reduzierte CO2-Emission. Das klingt gut.
Doch leider, den Reifen-Entwicklern sei's geklagt, gilt auch folgende Formel: reduzierter Rollwiderstand = schlechterer Nassgriff = längerer Bremsweg.
Eines steht fest: Passiert die am 23. Mai 2008 von der EU-Kommission verabschiedete Richtlinie das Europäische Parlament und den EU-Ministerrat, müssen ab 2012 Kraftfahrzeuge in den EU-Mitgliedsländern mit rollwiderstandsarmen Reifen und Reifendruck-Überwachungssystemen ausgerüstet werden. Parallel dazu soll ein Kennzeichnungs-System auf der Reifenflanke die Verbraucher über die Eigenschaften des Pneus hinsichtlich Rollwiderstand, Nassgriff und Geräuschentwicklung informieren.
"Das Reifen-Label kommt 2012", daran besteht für Alix Chambris kein Zweifel. Sie leitet in der Generaldirektion Energie und Transport der EU-Kommission die mit dem Thema Reifen-Labeling betraute Abteilung Neue und erneuerbare Energiequellen und kann als Herrin des Verfahrens bezeichnet werden. Auf ihre Einladung hin hatten sich kürzlich Reifen-Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu einem Workshop in Brüssel eingefunden, um über die Einführung eines Bewertungs- und Kennzeichnungs-Systems für Reifen zu diskutieren.
"Die Workshop-Teilnehmer waren sich darin einig, dass ein Bewertungssystem für die Endverbraucher vorteilhaft ist, weil sie Reifen dann schnell und einfach miteinander vergleichen können", fasst Chambris im Gespräch mit Pilot:Projekt das Kernergebnis der Veranstaltung zusammen. "Zudem betonten die Beteiligten die Sicherheit als oberste Priorität jeder EU-Regelung. Daher soll neben dem Rollwiderstand auch die Nasshaftung in das Bewertungssystem aufgenommen werden."
Auch die Reifen-Experten im deutschen Bundesverkehrsministerium sprechen sich für ein dreigliedriges Kennzeichnungssystem aus, allerdings nur für Pkw- und Llkw-Reifen. Die Lkw-Reifen sollen weiterhin ohne Label bleiben.
Allerdings: Damit die Reifenkennzeichnung tatsächlich wie geplant ab 2012 eingeführt werden kann, ist Eile geboten. Nur wenn es der EU-Kommission gelingt, den entsprechenden Richtlinen-Vorschlag bis Jahresende dem Europäischen Parlament und dem EU-Ministerrat zuzuleiten, besteht die Hoffnung, dass beide Gremien den Vorschlag noch vor den Europa-Wahlen im Juni 2009 absegnen. Gelingt dies nicht, wird sich das Reifenlabel wohl um einige Jahre verzögern. Ob's die Reifenkäufer bekümmert?


